Mein innerer Kampf (Beitrag vom 27.03.2014)*

Ach nein, morgen steht ein grosser Test an. In den nächsten Wochen muss ich so viele Arbeiten schreiben. Ach, und am Samstag muss ich arbeiten. Also. Montag gehe ich ins Zumba, das ist schon mal etwas Sport. Dienstag könnte ich meine Beine trainieren, Mittwoch den Rücken und Donnerstag könnte ich joggen gehen. Aber halt! Meine Beine brauchen mind. 48h Ruhe! Ach.. Also nochmals. Montag Zumba, Dienstag Rücken, Mittwoch Beine… Ah scheisse, Donnerstag joggen geht immer noch nicht. Aber wenn ich nicht joggen gehe, dann bleibe ich ein Muskelmonster, dabei will ich doch auch schlank sein.. Ach, das ist momentan einfach zu viel Stress. Ich werde auf jeden Fall mehrmals trainieren diese Woche, deshalb gönne ich mir jetzt ein Stück Schokolade.

Ein Toffifee.. Zwei Toffifee.. Drei Toffifee..

Verdammt, jetzt habe ich schon die halbe Packung gegessen. Also muss ich morgen joggen gehen!! Wieso brauchen meine Muskeln so viel Ruhe?! Man… Ein Raffaello, Zwei Raffaello… 5 Raffaello. Wieso kann ich nicht aufhören? Meine Cardio Einheit muss ich jetzt auch noch verlängern. Also nochmal. Montag Zumba, Dienstag Rücken, Brust und Schulter, Mittwoch gehe ich 10 Kilometer rennen und Donnerstag Beine.. Dann kann ich Sonntag nochmals Beine trainieren. Perfekt!

Ach scheisse, jetzt ist es schon die zweite Schüssel Milch mit Corn Flakes. Was ist nur los mit mir?? Egal.. jetzt habe ich eh schon zu viel Müll gegessen, auf ein bisschen mehr oder weniger kommt es nicht drauf an. Gehe ich eben am Samstag morgen vor der Arbeit um 6 Uhr joggen und baue eine HIIT Einheit irgendwo nach meinem Training noch ein.

Ach man.. mein Bauch wird einfach nicht flacher, ich kann noch so oft in den Spiegel schauen. Er wird einfach nicht flacher.. und meine Beine sind auch so muskulös. Aber es heisst doch, „strong ist he new skinny!!“Also geht das schon .. obwohl.. meine Beine sind einfach zu dick. Andere auf Instagram schaffen es doch auch, so dünn zu sein. Warum geht das bei mir nicht? Ach. Ich baue noch eine vierte Cardio Einheit in mein Training ein, und dann beweise ich es allen, dass auch ich die perfekte Figur haben kann!

Das, meine lieben Leser, ist der Kampf, der praktisch den ganzen Tag in meinem Kopf herrscht. Es vergeht keine Minute, an der ich nicht an Essen oder Training denke.

Mein Hobby hat sich zu einem Zwang entwickelt. Was esse ich wann, und wann trainiere ich was. Wie viele Stunden brauchen die einzelnen Muskelpartien, um sich auszuruhen und wie oft soll ich morgens rennen gehen, damit mein Körperfettanteil endlich sinkt.

Wie oft habe ich euch darauf aufmerksam gemacht, dass man sich selber nicht unter Druck setzen soll. Dass man sich Zeit nehmen soll und auch mal etwas gönnen. Schliesslich sind wir auch nur Menschen.

In meinen letzten Blogeinträge habe ich euch versucht, genau das zu vermitteln. Doch wenn ich jetzt darüber nachdenke, habe ich insgeheim, irgendwo in meinem Unterbewusstsein, versucht alles zu verarbeiten. Für mich. Schliesslich habe ICH eine Essstörung entwickelt…

Genau, ihr lest es richtig. Eine Essstörung.

Die ständige Kontrolle über mein Essverhalten und der unermüdliche Zwang, mein Training zu perfektionieren haben mich so weit gebracht, dass das Essen die Kontrolle über mich hat.

Mein Unterbewusstsein hat mich fest in den Griff. Doch was bedeutet das? Mein Tag beginnt so: gesundes Frühstück, gesundes Mittagessen und dann kommt’s. Vor dem Training hab ich schon einen riesen Hunger. Also esse ich einen halben Riegel, um meine Energie während dem Training aufrecht zu erhalten. Um den ganzen psychischen Stress zu bewältigen, verleitet mein Unterbewusstsein mich zum „Sündigen“. Also greife ich nach Schokolade.

Das Problem ist, dass es nicht bei einem oder zwei Stück Schokolade bleibt. Ich habe regelrecht eine Fressattacke. Dann stopfe ich so viel Schokolade wie nur möglich in mich hinein. Ich kann nicht anders, nicht einmal wenn mir schlecht ist, denn mein Unterbewusstsein hat mich unter Kontrolle.

Irgendwie muss ich das doch wieder in Ordnung bringen? Also überlege ich mir die ganze Zeit, wie ich alle diese ungesunden Kalorien verbrennen kann. Diese Gedanken lassen mich erst in Ruhe, wenn ich mein Gewissen durch übermässig viel Sport beruhigen kann. Bulimie.

Nein, ich habe keine Ess-Brech- Sucht. Ich muss mein Gewissen nicht durch Erbrechen beruhigen. Ich zerbreche mir dafür aber den Kopf, wie ich alles wieder verbrennen kann.

Ich sehe mich nicht als dick, aber ich habe eine Idealvorstellung von einem Traumkörper fest in meinem Kopf verankert. Dabei vergleiche ich mich ständig mit anderen Mädels, und fühle mich unwohl.

Dass ich mit meinen 21 Jahren noch eine Essstörung entwickeln würde, hätte ich NIE im Lebengedacht. Ich hatte schon immer ein gesundes Verhalten zum Essen.

Falls ihr es bis hierhin geschafft habt zu lesen, sollt ihr noch wissen, wieso ich das alles schreibe.

Ich schäme mich überhaupt nicht, für das was ich nun entwickelt habe. Ich kann offen darüber sprechen, weil es mir wichtig ist, dass man nicht nur Erfolge, sondern auch Misserfolge zeigen darf / soll.

Abgesehen davon, habe ich mich die ganze Woche schon mit der Frage „Wie konnte es nur so weit kommen?“ beschäftigt. Das Internet, genauer Facebook und Instagram, aber auch die Medien und wir als Gesellschaft, haben einen grossen Einfluss auf die Gedanken und Verhalten anderer. Ich bin der beste Beweis dafür. Ausgerechnet ich, die immer dafür war, einfach das Leben zu geniessen und nicht zu streng mit einem selber zu sein, habe mich von all dem beeinflussen lassen. Ich sehe immer mehr Bilder von suuuper schlanken Mädels, von durchtrainierten Mädels und auch von anderen Mädels, mit denen ich mich vergleiche. Ich habe in den letzten Wochen versucht, mich in eine Richtung zu bewegen, die total ungesund ist. Plötzlich wollte ich einfach nur noch dünn sein. Und doch trainiere ich weiter, und werde eher massiger.

Ich schaue jeden Tag mehrmals in den Spiegel, in der Hoffnung, dass sich etwas verändert. Dazu kommt der Druck, es andern noch zu beweisen. Der Druck, dazu zu gehören. Ich fing an das zu essen, was auf einem Bild gut aussehen könnte. Wieso? Weil ich meine 3k Follower nicht verlieren will? DAS IST DOCH ALLES SCHWACHSINN!

Deshalb hab ich mir letzten Freitag eine Auszeit genommen. Doch als ich erfahren hatte, dass ich Bulimie entwickelt habe, war für mich ganz klar: Es ist keine Auszeit! Ich steige aus diesem ganzen Druck aus. Ich poste ab jetzt nicht mehr das, was anderen gefällt, sondern das, was MIR gefällt. Und wenn ich halt 3k verliere, hauptsache ICH bin glücklich.

Der ganze Fitnesswahn wird bald vorbei sein. Was bestehen bleibt, sind die Folgen, die er nach sich zieht.

Ich fühle mich verantwortlich für alle Mädchen, die sich vielleicht unbewusst von mir unter Druck haben setzen lassen, indem sie mir nachgeeifert sind. Für Mädchen, die sich mit mir und meinem Körper verglichen haben. Für die Mädchen, die ihre Ernährungsweise und ihr Training nach meinem gerichtet haben. Ich wollte motivieren und inspirieren, weil ich von Natur aus gerne für andere Menschen da bin.

Doch nun weiss ich, wie dieser mediale Einfluss sich auf schwache Persönlichkeiten wie mich, auswirken kann. Und das ist alles andere als gesund.

Deshalb eine Bitte an euch: Wenn ihr euch irgendwie mit meinen Gedanken oder meinem Text allgemein identifizieren könnt, oder wenn ihr merkt, dass dieser Druck auch an euch nicht 100% spurlos vorbei zieht, dann steigt aus.

Was hat man davon, wenn man all das nur macht, um mehr Follower zu haben, um andere zu inspirieren und vor allem, um die eigene Ernährungsweise nur für einen kurzen Zeitraum zu verändern. Damit man im Sommer den Körper hat, denn man schon immer erträumt hat? Einige von euch könnten denken „Egal, das kann MIR nicht passieren. Wenn der Sommer vorbei ist, dann esse ich sowieso wieder das, worauf ich jetzt verzichtet habe.“ Doch die Kunst ist, das Gewicht zu behalten. Die Ernährung für immer zu verändern. Und zwar so, dass man mit dem Leben kann, ohne unglücklich zu sein.

Ich will mich nicht mehr von anderen beeinflussen lassen. Ich will einfach MEIN LEBEN leben, so wie ich es für richtig halte und nicht so, wie es anderen tausend Leuten gefällt.

Anfangs fand ich diese ganze „Oh du bist so motivierend, danke für deine Inspiration“ toll. Doch wenn man sein Leben nur noch nach anderen, fremden Leuten richtet, dann ist es nicht mehr wert, so weiter zu machen.

Seit mehr als einer Woche versuche ich mein Leben wieder zu normalisieren. Sodass ich wieder Freude am Essen haben kann, und Sport nicht als Zwang sehe, sondern als Wohltat für meinen Körper. Aber das ist ein langer Weg, und ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das ohne ärztliche Stütze schaffen werde. Aber ich habe eine wunderbare Familie und tolle Freunde, die mir diese Woche schon gezeigt haben, dass ich nicht alleine bin. Genau die Personen, die durch meinen Fitnesswahn vernachlässigt wurden.

Ich danke allen, die es geschafft haben, bis hierhin durchzuhalten und alles zu lesen. Mir war es wichtig, ein Zeichen gegen die bestehende Perfektion zu setzen.

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*Dieser Beitrag ist von meinem alten Blog importiert. Der Blog hiess damals www.m0reniita.blogspot.ch

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