Bis meine Welt in Ohnmacht fiel

Du weißt nicht wie sich Hunger anfühlt, bis er dich zerfrisst…
Du weißt nicht wie sich Essen anfühlt, bis du daran verhungerst…
Du weißt nicht wie sich Kontrolle anfühlt, bis sie du sie über dich verlierst…

Genau das alles willst du nämlich auch gar nicht wissen, denn das sind nur drei der schrecklichen Dinge, die während einer Essstörung zu deinen ständigen Begleiter werden.

Ich bin froh, heute hier sitzen zu können und diesen Gastbeitrag bei einer der wundervollsten Blogger verfassen zu dürfen.

Ich bin Francy und ich bin 17 Jahre alt, ich wohnte in einer WG mit mehreren an meiner Krankheit leidenden Menschen. Ich möchte euch im folgendem Test nicht darum bitten, mir euer Mitleid zu schenken und ich möchte damit auch nicht eure Aufmerksamkeit auf mich lenken, sondern ich möchte euch zeigen wie schnell sich ein -healthy lifestyle- in eine -ungesunde nicht mehr viel mit “life“ oder “style“ zu tun habende Lebens- oder besser Überlesensweise- wandeln kann.

Meine Handschuhe angezogen, festgezogen, mein letztes Mal. Mich fünf Runden warm gelaufen, mein letztes Mal. Richtig kräftig zu geschlagen, mein letztes Mal. Zum letzten Mal habe ich tief durchgeatmet. Bis die die Geräusche um mich herum verschwanden, sich die Stimme meines Trainers immer weiter entfernte. Ich habe mich umgesehen, mein letztes Mal, bis ich schwerfällig zusammen sackte und zu Boden fiel. Da war sie aus. Meine Welt, zum ersten Mal so lautlos.

Als meine Kraft nicht mehr reichte um meiner Leidenschaft, dem Kampfsport nachgehen zu können, habe ich bemerkt, dass ich etwas falsch gemacht habe. Ich habe meinen Körper dauernd fragen hören, weshalb ich ihm so großes Leid zufüge und warum ich ihm nicht endlich das geben könnte, was er braucht, warum ich ihn quäle.

Seit meinem 15. Lebensjahr litt ich an der Ess-Brechsucht Bulimie.

Jedes Mal wenn ich meinen Computer anschaltete, schaltete sich der Kopf aus, die Welt um mich herum war mir egal. Ich brauchte nur die Google-Startseite zu öffnen und dank dem Superhirn dem Internet, welches immer wusste wonach ich suchen wollte, und auf welchen Seiten ich die meiste Zeit verbrachte musste ich auch nur den Anfangsbuchstaben meines gesuchten Wortes eingeben um dann stundenlang auf den Seiten zu lesen, die mich in ein so tiefes Loch gezogen hatten. Ich bekam jeden Tag einen Überschuss an Informationen, wie ich mich zu ernähren habe und dass ich es am besten doch direkt lassen sollte. Falls ich aber dann doch mal einen Fehler begangen hatte (der Fehler lautete im allerschlimmsten Fall, mehr Kalorien zu sich genommen zu haben als die gewissen Accounts auf Instagram,… es einem vorschreiben) dann hatte ich das gefälligst wieder aus zu spucken. Informationen die ungefiltert und von irgendwelchen Anas und Mias gegeben wurden. Ich konnte mir nie vorstellen wie leicht man in “sozialen“ Netzwerken zur Show gestellt werden konnte, wie unanonym aber trotzdem nicht anonym es dort zuging.  Ich wurde immer wieder dazu gedrängt Angebote von Firmen (die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Hilfsmittel zum Abnehmen herzustellen und diese dann freizugänglich ohne Altersbeschränkung an Kinder, Jugendliche und hin und wieder Erwachsene zu verkaufen) wahrzunehmen. Nach dem ich tausend Mal die Werbung irgendwelcher Abnehm-Mischgetränke und irgendwelchen Nahrungsergänzungsmitteln weggeklickt hatte war ich war fixiert auf mich meine „Krankheit“, mein Abnehmplan, mein Ziel. Ich war fokussiert auf mein eigenes ICH. Auf Instagram, WeHeartIt usw. und natürlich auf den eben schon erwähnten Pro Ana und Pro Mia Blogs wurde ich bestärkt, fand Bestätigung und Unterstützung ich hatte das Gefühl endlich angekommen zu sein und ich hatte vor allem eines, ich hatte endlich einen Ansporn. „Du darfst nicht essen ohne dich schlecht zu fühlen oder ohne dich zu bestrafen“ „Alles was reingestopft wird kann auch direkt wieder raus“ das sind zwei von unendlich vielen “Motivationssprüchen“.

SocialMedia Gebote und Gesetze waren das, was meinen Alltag bestimmte, ich richtete meinen Alltag nach ihnen. Ich brauchte niemanden außer ein starkes WLAN und ein Smartphone, einen Laptop oder auch ein Tablet. Ich brauchte nur meine Unterstützung, Inspiration und meinen Ansporn. Aber das war mir ja dank unzähliger Seiten im Internet gesichert…

Wie konnte meine Aufgabe, mein Ziel, das alles was mir auf den Blogs für Perfektion erklärt wurde, all das was ich immer gelesen hatte, das was mir einen geregelten Tagesablauf gab nicht das sein, was mein Leben endgültig perfektionierte?

Überall findet man doch Bilder von schlanken Frauen, in schönen Kleidern, mit einem Lächeln im Gesicht.

Als ich endlich allen meinen Mut zusammen gefasst hatte und mich meiner besten Freundin anvertraute, war sie so schockiert, das sie anfing zu weinen und mit jeder Träne die ihr über die Wangen lief und mit jedem Satz mit dem ich ihr versuchte zu erklären was eigentlich mit mir los war, wurde mir bewusster wie sehr ich nicht nur mich sondern auch mein ganzes Umfeld zerstört hatte.

Ich habe meine Freunde und meine Familie vernachlässigt, habe mich zu einer egoistischen krankhaften nach Perfektion strebenden Francy entwickelt.

Blogs die sich mit meiner Krankheit befassten waren alles für mich ich war mehr als fasziniert, begeistert so genannte Thinspirations zeigten Körper nach denen ich so lange strebte. Es war mein größter Wunsch endlich einen Account eröffnen zu können auf dem ich der ganzen Welt meinen aus Haut und Knochen bestehenden Körper zeigen konnte, ich wollte andere junge Menschen davon überzeugen, wie einfach es sein kann, perfekt zu sein. Ich war mir sicher wenn ich all das geschafft hatte, war ich am Ende die jenige mit der meisten Diziplin.

Meine beste Freundin hatte mir eine Therapie empfohlen und versichert mir zu helfen, sie hat gesagt „Wir schaffen das gemeinsam, ich bin für dich da.“ …
In dem Moment in dem sie ihre warme Hand auf meinen, nur noch aus Haut und Knochen bestehenden, Rücken legt und sich ihr Kopf langsam auf meiner kalten Schulter absenkte, da erst wurde mir klar was ich die ganzen Jahre über von SocialMedia nie bekommen, habe. Es ist über die Zeit mein ständiger Begleiter geworden. Es hat Tag und Nacht über mein Leben bestimmt, doch in dem Moment in dem meine beste Freundin eine Träne über meinen Rücken kullern ließ, wurde mir klar wie gefühlskalt und imaginär die ganzen anderen Models und Vorbilder im Internet waren.  Wie sehr mich Medien und Blogs manipuliert und verändert hatten. Mir wurde meine Persönlichkeit, mein Charakter, meine Meinung und mein eigenes Ich genommen.

Ich war also ein 17 jähriges Mädchen, zerstört von imaginären Feinden, manipuliert durch Medien, die Vorgeführt wurde und sich für einen schlechten Menschen hielt, wenn sie eines der menschlichsten Bedürfnisse, das Essen, befriedigte.

Dank einer Menge Therapien, vielen Ärzten und Betreuern, Freunden und einem unglaublich starkem Willen, habe ich es zurück geschafft. Zurück zu einem normalen Essverhalten, zurück zu meiner Familie, zurück zu Freunden, zurück zu mir selbst. Zurück in die Welt.

Mir wurden Essenspläne erstellt ich wurde beim Essen kontrolliert und mir standen ständig irgendwelche Therapeuten im Nacken, während ich über einem Teller Gemüse mit Nudeln oder zwei Kartoffeln und etwas Möhren saß und mir Gedanken darüber machte, wie ich, ohne dass der General in meinem Nacken es merkte, mich vor dem Essen drücken könnte.

Ich saß also da, bestehend aus Haut und Knochen, weiß wie der Teller auf dem mein Feind darauf wartete von mir gegessen zu werden und machte mir Gedanken wie ich mich aus dieser katastrophalen Situation retten konnte, ohne nachher mehr auf die Waage zu bringen als vorher. Mein Ziel, meine Mission, war so schnell wie möglich dieses Haus zu verlassen in dem ich jeden Tag mit dem konfrontiert wurde, mit dem ich doch am wenigsten umgehen konnte, mit dem Essen.

Die Einsicht, kam für mich noch nicht mal an dem Tag als ich beim Training zusammen gebrochen bin, im Gegenteil, da habe ich mir noch Vorwürfe gemacht, ich sei selbst schuld daran zusammen gebrochen zu sein, da ich glaube nicht genug Kondition zu haben.

Die Einsicht kam an dem Tag als ich morgens unsere Gardine öffnete, aus dem tristen Klinikfenster schaute, mir die Sonne ins Gesicht schien und ich eine Mutter mit ihrem Kind ein Eis essen sah. Die beiden saßen einfach nur so da, waren herzlich am Lachen, alberten rum und hatten Spaß. Ich sah wie glücklich die Menschen draußen waren, darüber das die Sonne schien. Ich sah wie glücklich sie zusammen spielten und ihr Eis genießen konnten, wie sie sich an solchen Dingen erfreuten. Ich stand eine halbe Stunde am Fenster und habe immer wieder glückliche Menschen vorbeilaufen sehen, immer wieder haben sich Menschen in den Arm genommen, sich angelacht, sich unterhalten. Das mag vielleicht für den ein oder anderen total bescheuert klingen, aber für mich war es ein Ansporn, ich wollte immer Kinder haben, mit ihnen lachen, spielen und so viele Sachen machen.

An diesem Morgen wurde mir bewusst, dass ich eine Entscheidung treffen musste, die schon lange fällig war. Kämpfen und eine Zukunft haben oder aufgeben und mein Leben abgeben. Als mir klar wurde wie sehr ich mich die letzten Jahre kaputt machen lassen habe, stand der Entschluss, ich hatte mein Leben lange genug abgegeben. Ich habe mir fest vorgenommen, dass ich es schaffen werde. Das Leben ist MEIN Buch, ICH bin der Autor, ICH bin das Cover. Lange genug war ich nur das Cover und der Autor wurde von SozialenNetzwerken bestimmt.

Es war ein langer harter und steiniger Weg. Ich habe mir nie vorstellen können, ein Brötchen, eine Schale Müsli oder Nudeln essen zu können, ohne danach laufen zu gehen oder mir mindestens 4 Stunden den Kopf darüber zu zerbrechen, wie ich diese ganzen Kalorien nur wieder los werde.

Ich will euch natürlich darum bitte keine Diäten zu machen, wie es wahrscheinlich schon so einige getan haben. Ich will euch nicht in euren Alltag reinreden und ich will euch hiermit auch nicht beeinflussen, es ist mein einziger Wunsch, junge Mädchen mit Geschichten wie meiner davon abzubringen, gegen ihren Körper zu kämpfen und sich das Essen zu verbieten. Essen ist unser `Treibstoff` ihr wundervollen einzigartigen jungen Menschen da draußen. Ihr würdet mit einem Auto welches kaum noch Benzin hat auch nicht auf die Autobahn fahren, oder? Ich denke nicht, also gebt eurem Körper den nötigen Treibstoff und hasst euch nicht für das Gefühl des Hungers, welches uns seit Geburt einfach mitgegeben wurde.

Bleibt so wie ihr seid. Und seid doch selber der Mensch, dem ihr in eurer Situation gerne begegnen würdet. Der dem ihr ein Lächeln schenken würdet. Der der eure beste Freundin werden würde und der mit dem ihr niemals Streit anfangen würdet.

Danke, dass ihr euch meinen Beitrag durchgelesen habt. Ich wünsche euch noch einen wunderschönen Tag.

1 Kommentar

  1. Francy sagt: Antworten

    Hallo Liebe Jessy,
    vielen Dank für dein lieben Kommentar, ich freue mich wenn ich einige Mädels mit dem was ich geschrieben habe erreichen konnte und sich die ein oder andere vielleicht ein wenig verstanden fühlt oder wiedergefunden hat.
    Ich bin mir sicher du bist eine wundervolle Frau. Bleib so wie du bist und sei gerne die die du bist und wenn du das ausstrahlst, dann wird dir die Frau gefallen, die du jeden Tag im Spiegel anschauen darfst.
    Ganz liebe Grüße zurück
    Francy

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