Stimmen, die gehört werden möchten: Carina

Liebe Mädels, ich bin 22 Jahre alt, bin seit ca. 8 Jahren essgestört und möchte euch mit diesem Gast-Eintrag aus meinem Leben und vom Umgang mit meiner Essstörung erzählen.
Mit 15 hatte ich Magersucht, bin in die Bulimie (Abführen + Sport) gerutscht, hatte dann bis vor 2 Jahren Binge – Eating und mittlerweile leide ich wieder an Bulimie-diesmal jedoch das volle Programm (nicht mehr akut). Vor gut 3 Wochen wurde ich aus einer Klinik für Essgestörte entlassen und bin unheimlich froh, dass ich diese 8 Wochen durchgezogen habe.
Vor ca. einem halben Jahr ist mir bewusst geworden, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich hatte viele körperliche Beschwerden: angefangen bei Haarausfall, Schwindel… bis hin zu motorischen Problemen und Vergesslichkeit.  Ich habe im Internet rumgeforscht und bin durch Instagram auf Morenas Profil gelandet. Ich habe ihren kompletten Blog gelesen und mich in fast allen Punkten wieder erkannt. Mit meiner Hausärztin habe ich dann festgestellt, dass ich essgestört bin. Ich bin direkt in psychologische Behandlung gegangen, habe aber gemerkt, dass eine Klinik besser für mich ist. Ende März war es dann soweit. Ich hatte panische Angst vor den Veränderungen, auch wenn ich genau wusste, dass diese Veränderungen gute Veränderungen sein werden. Die ersten Tage waren sehr anstrengend, ich habe sehr viel geweint und wusste kaum noch wo oben und unten ist – ich war mit allem überfordert. Ich habe mich auf das Klinik-Konzept eingelassen, habe motiviert mitgearbeitet und jeden Tag genutzt, um mein Leben zu verändern. Vermutlich klingt das jetzt alles recht einfach… das war es aber nicht! Ich habe noch nie in meinem Leben so viel geweint und so viel nachdenken müssen, ich habe viele Erinnerungen aus meiner Kindheit/meiner Jugend aufgearbeitet. Es war unheimlich anstrengend. Anstrengend war auch mein Sportverbot, um meinen Bewegungsdrang in den Griff zu bekommen. Oft habe ich überlegt heimlich Kniebeugen zu machen, doch das wäre Selbstbetrug… Durch die Therapiesitzungen habe ich verstehen können, weshalb ich damals in die Essstörung gerutscht bin (durch Ereignisse in meinem Leben, auf die ich jetzt nicht weiter eingehen möchte).

Ich verstehe jetzt alle Zusammenhänge und habe wieder Genuss am Essen, generell am ganzen Leben! Ich habe mich all die Jahre zurückgezogen, hatte immer „nur“ 1 Freundin (ich weiß, besser 1 richtige Freundin, als 3749302 falsche Freundinnen! Dennoch hatte ich immer gehofft, auch mal beliebt zu sein und einer Clique anzugehören). Ich habe nur gegessen, wenn ich Sport gemacht habe. Bei Fressattacken habe ich verschiedenste Gegenmaßnahmen benutzt, aus Angst zuzunehmen. Ich war in den ersten Kliniktagen mit dem Essen ziemlich überfordert, weil mir die Portionen als sehr groß erschienen. Das war jedoch ein falscher Eindruck, weil es sich um normale Portionen gehandelt hat. Durch die Klinik habe ich gelernt, dass man Essen niemals bewerten soll, da alles in Maßen gesund ist. Jeden Tag habe ich dort Süßigkeiten gegessen, auch mal ein Stück Kuchen, manchmal auch 2.
Wenn ihr merkt, dass ihr mit dem Essen ein ernsthaftes Problem habt, dann kann ich euch nur empfehlen eine Therapie zu machen! Ich bin noch immer in ambulanter Therapie, aber die Klinikzeit hat mein Leben verändert:
Ich weiß jetzt wer ich bin, was ich will und was/wen ich brauche, um glücklich zu sein. Ich habe endlich, endlich gelernt mir eine eigene Meinung zu bilden, diese auszusprechen & auch hinter dieser zu stehen. Ich verstehe verschiedenste Zusammenhänge aus meiner Vergangenheit und weiß damit umzugehen. Ich weiß weshalb ich essgestört geworden bin und ich weiß, wie ich aus diesem Teufelskreis wieder heraus komme: Ich zeige meinen „kranken Stimmen“ in meinem Kopf permanent den Mittelfinger und tue genau das Gegenteil von dem, was sie mir sagen.
Sport soll Spaß machen und ausgeführt werden, um ein gesundes Leben zu führen. Ich habe verstanden, dass mein Körper mindestens 2200kcal braucht, um vernünftig arbeiten zu können. Ich versuche täglich auf mein Körpergefühl zu hören und zu deuten, was mein Körper mir sagen möchte. Ich bekomme keine Panik mehr, wenn ich das Gefühl habe, ich bräuchte mehr Nahrung, denn mittlerweile weiß ich, dass mein Körper schon seine Gründe hat, weshalb er noch etwas mehr zu essen möchte (z.B. nach dem Sport, oder wenn ich meine Tage bekomme). Süßigkeiten gehören zu einem ausgewogenen Leben dazu. Es gibt kein schlechtes Essen, alles ist in Maßen gesund und selbst wenn man mal über die Stränge greift, dann ist das auch in Ordnung. Abführmittel fügen meinem Körper große Schäden zu, genauso wie Hungern, Erbrechen und übermäßiger-krampfhafter Sport. Durch ausgewogenes Essen habe ich keine ständigen Gedanken mehr ans Essen. Mithilfe bestimmter Übungen konnte ich mein gestörtes Selbstwahrnehmungsbild verbessern, ich akzeptiere meine Konfektionsgröße, meine Speckrollen und habe meine „Zebrastreifen“ lieben gelernt.
Mit am wichtigsten ist aber, dass ich jetzt der Meinung bin, dass ich nicht so aussehen muss wie andere, denn diese Personen sehen doch schon so aus, wie sie aussehen… Wieso sollte ich dann auch so aussehen, denn wären wir ja doppelt auf dieser Welt?! Ich habe meinem Körper all die Jahre so viel Schaden zugefügt, dennoch hält er zu mir & beschützt mich-weshalb und weswegen sollte ich mich schämen? Dafür, dass sich meine Oberschenkel berühren? Nein! Für meinen Hüftspeck? Nein! Für meine Speckrollen und das mein Bauch wabbelt, wenn ich mich bewege? Nein!
Natürlich habe ich noch Momente, wo diese „Stimmen“ in meinem Kopf sehr laut werden, wo sie mir befehlen wollen, dass ich bestimmte Lebensmittel weg lasse könnte, mehr Sport treiben soll, oder mich einfach vollstopfe und alles wieder erbreche. Auch habe ich Situationen, wo ich an mir selber zweifle, am liebsten im Bett liegen bleiben würde und nur noch weinen möchte.  Aber das sind diese Momente, wo ich dann gezielt in meinen „Notfallkoffer“ schaue. Dieser Notfallkoffer kann z.B. einfach ein Schuhkarton sein, mit Dingen die einen wieder Mut machen. In meinem Notfallkoffer sind z.B. Handynummern von ehemaligen Mitpatientinnen (mittlerweile gute Freundinnen), Briefe an meine Essstörung, Postkarten, gesammelter Krimskrams- einfach Dinge, die mir wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Ansonsten habe ich an meinen Türrahmen Sprüche geklebt, quasi als Spickzettel.
Ein großes Problem für mich ist das Thema „Einsamkeit“. Ich wohne in einer WG, dennoch bin ich oft allein zu Hause, weiß dann erst nichts mit mir anzufangen und komme dann auf den Gedanken, dass ich meine negativen Gefühle durch Essen kompensiere könnte. Dann fallen mir meine Spickzettel auf und ich schreibe meist meine Gedanken/Bedürfnisse/Wünsche aus der jeweiligen Situation auf, oder schaue in meinen Notfallkoffer, oder ich spreche mit wem über meine Gefühle und über das, was mir meine Essstörung gerade sagt. Meine Spickzettelsprüche sind: „Gefühle kann ich nicht durch Essen kompensieren!“, „Nach einer Fressattacke geht es mir nicht besser“ und „Ich bin stärker als die Essstörung!“.
Also, Mädels! Bitte, bitte, bitte gebt niemals auf! Wenn ihr auch diese „Stimmen“ im Kopf habt, die euch erzählen wollen, was ihr tun sollt oder die euch irgendetwas Schlechtes einreden wollen, dann zeigt diesen „Stimmen“ den Mittelfinger! Ihr habt die Macht über diese fiesen Gedankengänge und ihr könnt sie bekämpfen! Es kann teilweise sehr hart sein, aber kämpfen lohnt sich!!! Wenn ihr Druck spürt, z.B. im Sinne von Erbrechen, dann vertraut euch jemanden an und sprecht über dieses Gefühl, bleibt nicht alleine mit der Situation!
Mir hat es geholfen, dass ich oft aufgeschrieben habe, was meine Stimmen mir sagen, oder das ich einfach einen Brief an meine Essstörung geschrieben habe, indem ich ihr lang und breit erkläre, dass ich sie einfach nur noch loswerden will. Ich kannte lange nur meine kranke Seite und habe mich nicht auf die gesunde Seite meines Lebens getraut, denn meine Essstörung ist genau das, was mich ausgemacht hat, etwas, worin ich gut bin. Meine Essstörung hat mir Halt geboten. Ich konnte mich immer auf sie verlassen. Und jetzt? Diese gesunde Lebensseite ist super!! Ich habe endlich wieder Spaß am Leben, Spaß am Sport und Spaß am Essen! Ich unterhalte mich sehr gerne mit Menschen, bin offener gegenüber fremden Personen geworden und ich weiß, dass ich eine Persönlichkeit und auch einen Charakter, ohne Essstörung(!!!) habe!
Eure Carina
– Und nochmals vielen Dank an Morena! Es tat unheimlich gut all diese Gedanken aufzuschreiben! Und danke dafür, dass du mich damals auf meinen richtigen Weg geleitet hast!

5 Kommentare

  1. Starkes Mädel, mach weiter so. 🙂

  2. jessi sagt: Antworten

    Ganz ganz toll geschrieben !
    Wieder mal ein starkes Mädchen unter uns 🙂
    Bleib so stark liebe Carina & alles Gute 😉
    Hoffentlich lesen das viele Menschen, die in der gleichen Situation sind und solche Gedanken Gänge haben..

  3. Julia sagt: Antworten

    Ein beeindruckender und toller Blogeintrag! Danke liebe Carina, dass du uns teilhaben lässt. Ich finde du machst das ganz wunderbar und wünsche dir, dass du der Essstörung irgendwann ganz den Rücken kehren kannst. Du kannst so stolz auf dich sein!

  4. Das rockt! sehr bewundernswert…

  5. Paulina Kristina sagt: Antworten

    Toller Artikel! Ich weiß ganz genau, wie man sich mit einer Essstörung fühlt. Ich bin auch gerade auf einem sehr guten Weg raus aus diesem Problem.

    Es ist wirklich super schwer damit zu leben – daher danke für deine Geschichte und deinen Weg! Ich wünsche dir ganz viel Erfolg auf deiner Entwicklung und bin davon überzeugt, dass du irgendwann sagen kannst: Adios ES – das war es mit uns beiden – und wieder ein ganz normales leben führen kannst! <3

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