Gastbeitrag: Warum ich der Fitnessszene den Rücken zugewandt habe…

Hello, it’s me… ich wollte schon immer mal einen Text mit Adele anfangen. Kann das also jetzt von meiner Liste streichen. Manche von euch erinnern sich noch an mich. Der komische Typ, der sich damals gegen den Fitnesswahn der Damen gewehrt hat und versucht hat, junge Menschen zu motivieren. Aber auch der, der nützliches Wissen kommunizieren wollte und täglich Posts zu Anatomie, Trainingsabläufe, Nahrungsmittelstoffe, Bewegungsapparat etc. rausgehaut hat. Volles Programm. Bis auf die Food-pictures. Das habe ich nie gemacht. Und darauf bin ich verdammt stolz. Ich hab schon damals versucht irgendwie gegen den Strom zu schwimmen. Wissenschaft statt Halbwissen. Fakten statt Mythen. Alles basierend auf viel Lesestoff und meiner Erfahrung mit Menschen, die ich trainiert habe. Das habe ich lange gemacht, bis ich gemerkt habe, dass ich nicht gegen den Strom geschwommen bin. Viel mehr hat der Strom mich mitgezogen, Richtung Abgrund. Ich habs nur nicht gemerkt bzw. war nicht reflektiert genug um mich selbst mal von außen zu betrachten. Ich schrieb Texte gegen den Fitnesswahn und die Kontrolle, die der ganze Dreck über viele hat und bekam selbst Panik, wenn ich mal 3 Stunden nichts gegessen hatte. Okay keine Panik, aber mein Lebensrythmus hat sich komplett danach orientiert. „Rami, gehen wir heute raus?“, fragte dann vielleicht jemand. Ich musste dann kalkulieren, wann ich essen könnte und wann und wie sich eine andere Mahlzeit ausgehen könnte. Ich schrieb Texte, gegen das Vernarren auf Nährstoffe und das Kalorienzählen und hab selbst versucht, auf meine 2g Protein/kg Körpergewicht zu kommen. Aber warum eigentlich? Für was? Für wen? Letzteres ist wohl die wichtigste Frage. Bis ich realisiert habe, dass das alles eigentlich für andere gemacht wird, hat es eine Weile gedauert. Wir stehlen unsere Lebenszeit, zerstören unsere Lebensqualität, um anderen zu gefallen. Ich weiß nicht, ob die Schnelllebigkeit des 21.Jahrhundert und moderne Technologien dazu gebracht haben, dass wir permanent unzufrieden mit uns selbst sind, kann es mir aber gut vorstellen. Vielleicht würden wir diese Art der Bestätigung nicht suchen, wären wir umgeben von positiven Menschen, die uns wertschätzen und lieben wie wir sind. Ziemlich sicher aber würden wir diese Bestätigung nicht suchen, wenn uns medial vermittelte Bilder über den idealen Körper nicht schon von klein auf eingetrichtert worden wären. Diese Ideale nehmen wir auf. Bewusst oder unbewusst. Auch wenn die Thematik bei Frauen viel sichtbarer ist, so ist das bei Männern nicht weniger präsent. Große Muskeln, geiles Six-Pack, klingt nach einem Porno deutscher Produktion, ist aber für viele Jungs das ultimative Ziel. Der Typ, mit der Hugo Boss Unterhose im Fernsehen, der eine schöne Frau an seiner Seite hat, bestätigt nämlich genau dieses Ziel: Schöne Frauen kriegst du nur ab, wenn du einen schönen Körper hat. Das suggeriert nicht nur, dass du als 0815 Mann zu wenig bist, für eine schöne Frau, sondern auch, dass Frauen prinzipiell nur von einem schönen Körper angezogen werden. Nicht etwa von Intellekt oder Charm. Wie bescheuert ist das denn?

Aber: Es tut sich was dagegen. Und dafür bin ich dankbar. Die body-positive Bewegung, die ihren Ursprung im Feminismus hat, sucht noch ihr Pendant in der männlichen Welt, das hat sie mir geflüstert. Umso glücklicher bin ich aber, dass es sie gibt und dass immer mehr Frauen dazu ermutigt werden, verdammt noch mal sie selbst zu sein. Und zwar genauso, wie sie sich wohlfühlen. Jeden Tag in den Spiegel schauen und sich sagen, scheiße seh‘ ich geil aus und scheiß auf jeden Mann, der das nicht so sieht. Genau das, sollte euer Mindset sein und genau das verkörpert Morena für mich, war auch der Grund dafür ist, dass sie der einzige Fitnessaccount ist, dem ich folge. (Fan since Day 1 Morena).

Positiv zu sein. Das ist das Stichwort. Und es war das Gegenteil – nämlich Negativität- welches mich am Ende dazu getrieben hat, der Szene komplett den Rücken zu kehren und zu meinem alten Hobby zurückzukehren, der Fotografie. Alle Fitnessposts auf Instagram gelöscht und nur noch eigens geschossene Bilder veröffentlicht, mit dem Ziel, die Schönheit unterschiedlichster Orte auf der Welt zu zeigen. Vor allem aber war es auch Selbsttherapie. Ich bekam fast täglich Mails von verzweifelten Mädchen mit Essstörungen. Ich habe stundenlang mit diesen Mädchen und Damen geschrieben. Versucht sie zu begleiten. Ohne Entgelt. Einfach, weil ich es als meine Aufgabe sah, als jemand der sich mit sowas auskennt. Ich gab manchen sogar meine Nummer. Sie sollten mir schreiben, statt zu Erbrechen. Oder schreiben, wenn sie einen Apfel mehr essen. Ich habe ihre intimsten Momente geteilt. Mich mit ihnen gefreut und mit ihnen geweint. Irgendwann aber habe ich gemerkt, wie sehr mich die Trauer und der Frust über die Misserfolge innerlich aufisst und ich permanent schlecht gelaunt war. Ich schrieb noch ein letztes Mail und schloss ab mit dem Ganzen. Keine Beratungen mehr, keine Ernährungs – und Trainingspläne mehr, keine Fitnessposts mehr, nichts. Danach brauchte ich „nur“ noch, an mir selbst zu arbeiten. Ich richtete mich neu aus, indem ich mir 2 Fragen stellte:
Was macht mir Spaß?
Für wen mache ich, was ich mache eigentlich wirklich?
Ich hatte schon früh gemerkt, dass mir Krafttraining Spaß macht. Das stupide Muskelaufbautraining im höheren Wiederholungsbereich, nicht so sehr. Also hab ich umgestellt. Seither – und das ist schon fast 2 Jahre her – mache ich vorwiegend Powerbuilding und versuche mich konstant bei den Grundübungen (Kniebeuge, Kreuzheben, Bankdrücken, Military Press) mit dem Gewicht zu steigern. Was mir auch sehr viel Spaß gemacht hat, war essen. Und weil Kraftzuwachs essen braucht, habe ich auch angefangen mir mal keine Sorgen über die Nährstoffe zu machen. Ich würde zwar nie, 1 Woche jeden Tag nur Bullshit essen, oder ständig nur Süßes, aber das hat gesundheitliche Gründe, nicht wie früher, „Optikgründe“. Klar, Sixpack hab ich lang keins mehr, aber dafür könnten sich mindestens 3 solche Sixpackjungs auf meine Schultern legen und ich könnte problemlos Kniebeuge machen, vorausgesetzt, sie wiegen nicht mehr als 60kg, also maximal 180kg.

Was ich sagen will ist folgendes: Es ist wichtig, Ziele zu haben und sie zu verfolgen. Bloß müssen wir uns immer fragen, warum wir ein Ziel verfolgen. Ist es, weil wir das wirklich wollen? Also wirklich wir selbst, oder tun wir das für jemand anderen? Noch wichtiger als (m)ein Ziel zu haben ist es, Spaß auf diesem Weg dorthin zu haben. Und nochmal wichtiger ist es, auf diesem Weg und seinen vielen Abzweigungen, zu jeder Zeit sagen zu können: „Damn, ich steh total auf mich“.

10 Kommentare

  1. kerstin_nitsrek sagt: Antworten

    Ach, irgendwie schön zu hören, wenn ein Mann so was schreibt. Ja verdammt nochmal, wir sind toll – genau so wie wir sind. Und meinen Freund liebe ich, weil er ist wie er ist- ganz ohne Sixpack! Wer gerne Sport treibt suuuper. Und wenn nicht, auch super. Lasst uns doch machen was wir wollen und uns Spaß macht. Ob ab- oder zunehmen, Sport oder Sofa, wir machen was uns gefällt! Aber hööö – ich liebe Eseensbilder bei Instagram- sind mir lieber als Sportbilder oder gestellte „ich bin ja so fit Fotos“;-)

    1. Rami sagt: Antworten

      So ist es!!!! 😀
      Danke für deinen Kommentar! 🙂

  2. Jasmine sagt: Antworten

    Super toll geschrieben

    1. Morena sagt: Antworten

      Dieser Kommentar leite ich gerne an den Verfasser des Gastbeitrages weiter <3

    2. Rami sagt: Antworten

      Danke, liebe Jasmine 🙂

  3. Jessica sagt: Antworten

    Sehr schön geschrieben 😉
    Auch mal schön zu lesen von einem Mann ..
    Und dass ein Mann auch solche Gedanken hat. Aber sie überwinden konnte.
    Damn, ich steh total auf mich 😉

    1. Rami sagt: Antworten

      Danke Jessica!
      Klar haben auch Männer solche Gedanken… aber inmitten einer Gesellschaft, die Jungs von klein auf lehrt, dass weinen und Gefühle zeigen „nicht männlich“ seien, sprechen das halt viele nicht aus. Männer sind permanent gefangen zwischen den gesellschaftlichen Ansprüchen an „Männlichkeit“ – also Härte, Rationalität und Leistung…und dem, wer sie wirklich sind.. nämlich auch manchmal zu sensibel, zu sentimental oder was auch immer.
      YESS!! 😀

  4. Alex sagt: Antworten

    Genau in diesem Sumpf befinde ich mich (M, 35 Jahre), komme aber nicht raus. Irgendwas blockiert mich nach wie vor. Warum kann ich das nicht gelassen angehen?
    Muskelaufbautraining macht mir Spass, gesunde Ernährung, kochen und geniessen … das sind Interessen meinerseits – aber warum nehmen so „Kleinigkeiten“ meinen Tag oder gar mein ganzes Leben in Kauf? Warum kann ich nach Training und Essen mich nicht frei, ungezwungen und voller Freude meiner Familie (Kinder) und meinem Umfeld widmen?

    Der erste Schritt ist wohl das Bewusstwerden. Nur leider verharre ich nach wie vor darin bzw. bin Rückfällig. Manchmal, so denke ich, benötige ich jemanden, der mich zieht …

    Schlussendlich kann ich mich nur selbst aus dem Sumpf ziehen – wie einst der Baron von Münchhausen. Meine Angst: was, wenn ich es noch jahrelang nicht schaffe? Freunde keine mehr da, mit Urfamilie verstritten, eigene Familie steht noch zu mir; wie lange noch … ?

    Damn, ich möchte auch total auf mich stehen!

    1. Rami sagt: Antworten

      Lieber Alex,

      ich versteh dich. Ich denke, du musst dir ein paar fragen selbst beantworten:
      -Macht dir das Muskelaufbautraining wirklich Spaß, oder machst du es, weil du ein Ziel hast und es deshalb machen musst?
      -Ist dieses Ziel wirklich dein Ziel, oder ist es ein Ziel, von dem du glaubst, dass es deins wäre, es de facto aber ein gesellschaftlich auferlegtes ist?
      -Wenn du es „für andere“ machst… sind diese anderen es wirklich wert, deine Lebensqualität so zu vermiesen? Sind die überhaupt korrekt, wenn sie dich in so etwas hineinzwingen? Vermutlich interessiert sie das gar nicht sondern sie wollen im Endeffekt nur dich haben… deine Zeit.. Das gilt für deine Kinder, wie auch für deine Freunde.
      -Machst du das alles, weil du glaubst, dass du „bessere Chancen“, vlt in der Frauenwelt hast, oder ganz allgemein, so eher akzeptiert wirst?
      Wenn ja, dann lass mich dir sagen, eine Frau, die dich attraktiv findet, weil du sportlich bist, ist eine Frau, mit der du höchstens ein paar nette Nächte verbringen kannst.. nicht eine, die dich für das liebt was du bist, kannst und aber auch überhaupt nicht kannst.

      Schau mal Alex, wenn ich dir sage „Scheiß auf die anderen, du brauchst nur dich um glücklich zu sein“.. dann erscheint das für dich als larifari und es ist schwer umzusetzen. Sind wir denn nicht immer auf der Suche nach Bestätigung? Natürlich ist es geil wenn dir jemand Komplimente macht. Wir brauchen oft auch diesen Schubser von draußen… das ist auch okay so! Du musst das nicht verteufeln, das wollte ich mit dem Artikel auch nicht sagen. Mir geht es nur darum, dass du das machst, was dir Spaß macht, weil es DIR Spaß macht… Alles andere kommt von alleine. Der Zwang den du hast – erlaube mir das zu sagen – den hast du, weil du permanent unter Leistungsdruck stehst. Es macht dir vielleicht Spaß, aber du machst es so verkrampft, weil du es nicht nur für dich selbst machst, sondern um zu beeindrucken/besser anzukommen, was auch immer. Das ist eine legitime Motivation, aber sie darf niemals zur Hauptmotivation werden, sonst ist das brandgefährlich.
      Wenn dein Hauptziel es ist, Spaß zu haben und es zu genießen, dann fällt der Zwang von alleine weg. Du wirst dann Dinge tun, die diesen Spaß supporten, also eben gesund kochen, aber ohne dir zu viel Druck zu machen. Ich erzähl dir wie ichs mache.. vlt hilft dir das..

      Du hast ja gelesen, dass ich mich jetzt eher aufs Powerlifting konzentriere. Also heavy reps for the win 🙂
      Meine Hauptmotivation ist: Viel Gewicht von A nach B zu bewegen und mich Schritt für Schritt zu steigern. Das macht mir unheimlich viel Spaß, vor allem, weil ich mir selber Ziele setze und sie erreichen kann. Das gibt mir schon mal die Bestätigung die ich brauche. Wenn ich jetzt dabei bin, 200kg zu beugen und mich Leute im McFit anglotzen und dann ein paar zu mir herkommen und fragen wie ich das schaffe blabla, dann ist das nett und gibt mir einen Push.. aber ich mache das Ganze nicht deshalb. Klar hab ich jetzt kaum noch ein Six-Pack und seh vlt nicht mehr so athletisch aus… aber das ist mir nicht mehr so wichtig… weil mein Ziel ist, siehe Hauptmotivation. Mein Ziel ist es nicht mehr, anderen zu gefallen. Egoismus, lieber Alex, ist was das angeht gefragt. Es ist eine einfache Kosten-Nutzen -Frage.
      Was ist besser:
      -) Etwas zu tun was man liebt, ohne Zwang. und es dabei zu genießen und vlt dafür ein paar Einschränkungen zu riskieren… die es aber wert sind. Gleichzeitig umringt von Freunden und Famile zu sein?
      -)Etwas zu tun, von dem man glaubt, dass es anderen gefällt. Dann hat man die anderen überzeugt, diese sind jetzt aber nicht die besten Charaktere und man selbst halt dann einen tollen Körper, ist aber umgeben von Menschen, die dich nur auf Grund deiner Optik schätzen.

      Ich denke du brauchst eine gesunde Person Egoismus, Narzissmus und Pragmatismus.
      Letzteres vor allem was die Ernährung angeht. Deine Motivation, dich gesund zu ernähren… ist die mit deinem Ziel verbunden, anderen zu gefallen.. oder mit dem Ziel, einfach gesund zu bleiben?
      Bei mir hat sich der Zwang in einen „gesunden“ Wecker umgewandelt. Gestern zB hatte ich Frühstück, Mittagessen und zu Abend hab ich 20 Stück Cevape und ein fettes Eis gegessen. Einfach weil ich Bock hatte und unterwegs mit Freunden war. Normalerweise würd ich jetzt einen Tag drauf, also heute, etwas zurückschrauben.. Ich bin aber heute wieder mit Freunden unterwegs.. ich schau halt drauf, dass ich keinen Schwachsinn esse, aber wenns wieder Cevape werden soll, who cares?? Wieso sollte ich mir den mood vermiesen?
      Dafür weiß ich aber, dass zumindest die nächsten Tage vermehrt drauf achten werde, kein junk food zu essen. Einfach weil mir meine Gesundheit wichtig ist.

      Versuche also, lieber Alex, den Weg der Mitte zu gehen… schrittweise! Orientier dich dabei immer an dem was du SELBST willst und was dir SELBST Spaß macht…

      Hoffe dir geholfen zu haben!

      Lieben Gruß!

  5. Leo sagt: Antworten

    Super Beitrag, ich finde es toll sagt auch mal ein Mann seine Meinung zu dem Thema.
    Auch mein Freund kämpft immer wieder mit dem Gedanken, dass er mehr trainieren sollte und ein Six Pack braucht um mit anderen Männern mithalten zu können.
    Dabei ist ein Six Pack alles andere als natürlich und sagt auch wenig bis gar nichts darüber aus, wie sportlich eine Person ist.

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